Appell an die Universitäten: Rettet die Geisteswissenschaften!

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Rettet die Geisteswissenschaften –paul ranson_flickr.com —

In unserem ersten Beitrag rund um das Thema geisteswissenschaftliche Studiengänge haben wir diese stark gemacht und gezeigt, dass diese nicht notwendig in der Kategorie „Brotlose Künste“ geführt werden müssen. Heute wenden wir uns der Frage zu: Was muss eigentlich an den Universitäten passieren, um diesem Label nachhaltig zu entgehen?

Verstaubt, verstaubter, Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert?

Sprach- und Literaturwissenschaften, Philosophie oder Geschichte: Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind toll. Dennoch stellen sie nicht die erste Wahl dar, wenn es darum geht, sich für ein zukunftsorientiertes Studienfach zu entscheiden. Ist es überhaupt möglich, mit einem Bachelor oder Master of Arts Geld zu verdienen, oder handelt es sich bei all den Studienfächern ausschließlich um brotlose Künste? Sicher ist: Wer sich für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheidet, benötigt eine große Menge an Eigeninitiative, um sich ein gutes Jobprofil aufzubauen.

Praktika während der Semesterferien sowie zielführende Nebenjobs als Werkstudent gehören zum Pflichtprogramm, um nicht in der breiten Masse an Absolventen unterzugehen. Ein planloses Vor-sich-her-Studieren kommt nicht gut. Aber diese Feststellung gilt auch für alle anderen Studiengänge von Jura bis Medizin. Denn wer kein Interesse an seinem Studium hat, wird später auch kein guter Anwalt, Arzt, Betriebswirt oder Lehrer. Wer also plant, als Geisteswissenschaftler in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen, sollte sich bestenfalls schon früh klar werden, wohin die Reise gehen soll, da hier am Ende des Studiums mit Sicherheit nicht von alleine feststeht, welcher Beruf ausgeübt werden wird. Es gibt kein klar umrissenes Berufsfeld.

Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren?

Leider sind die Universitäten vielfach noch immer nicht in der Gegenwart angekommen und de facto keine große Hilfe bei der Entscheidungsfindung. Es ist zwar schön und interessant zu wissen, wie literaturwissenschaftliches Arbeiten funktioniert, allgemeinhin nützt es aber ziemlich wenig, Experte darin zu sein, welche Motive sich in Vers 25 und 571 der Aeneis wiederholen oder den ersten Satz der Metaphysik auf Altgriechisch zu rezitieren. Anders formuliert: Dem theoretischen Wissen, das in den Hörsälen gelehrt wird, fehlt es an einer praktischen Gegenkomponente.

Um das Beispiel des Vorgängerartikels wiederaufzugreifen: Warum werden an den Universitäten keine Kurse für digitales Schreiben angeboten? Warum ist es den Studenten nur in den seltensten Fällen gestattet, ihre theoretischen Kenntnisse in den Hausarbeiten mit aktuellen Themen zu verbinden und etwas Neues zu schaffen? Warum lernen Absolventen (abgesehen von journalistischen Studiengängen) nichts darüber, wie Newsartikel, Blogbeiträge, Pressemitteilungen oder SEO-Texte geschrieben werden? Bzw. selbst wenn es vor Ort am nötigen Personal fehlt, könnten Summer Schools oder Beitragsreihen organisiert werden, die aktuelle Erfordernisse des Arbeitsmarktes abdecken und den Studenten zumindest einen Einblick in diese Themenkomplexe bieten.

Stattdessen werden diese Erfordernisse nicht selten von einem Naserümpfen seitens der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter begleitet. Zu wenig intellektuell, im Internet kann ja jeder schreiben, dafür braucht es keine Ausbildung. Im gleichen Atemzug werden aber an den meisten Universitäten immer mehr geisteswissenschaftliche Studiengänge und „exotische“ Fächer gestrichen und vom Angebot ausgeschlossen. Warum? Weil sie mehr kosten, als Geld einbringen. Weil sie es nicht schaffen, einen Schritt in Richtung Gegenwart zu gehen und die Fächer so auszurichten, dass traditionelle und gegenwärtige Ansätze miteinander in Einklang gebracht werden können.

Studieninhalte und Bedarf auf dem Arbeitsmarkt miteinander in Einklang bringen: Hexenwerk?

Arbeitgeber der freien Wirtschaft suchen in erster Linie nach Bewerbern, die Leidenschaft für das, was sie tun, mitbringen. Bewerber, die bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, sich neuen Herausforderungen stellen und auch unkonventionelle Wege einschlagen, um weiterzukommen. Auf der einen Seite ist zu sagen, dass dies vor dem Hintergrund durchweg standardisierter Studiengänge, in denen nichts weiter als Einheitsbrei gelehrt wird, kaum möglich ist. Wenn alles, das wesentlich von Interesse ist, sich nur zwischen dem Erbringen von Leistung und dem Verdienen von Geld verdienen orientiert, kann die Rechnung nicht aufgehen. Denn innovativ zu sein, bedeutet auch zu großen Teilen, sich den nötigen Input zu holen, den eigenen Horizont zu erweitern und sich für verschiedene Dinge zu interessieren. Wer nur abarbeitet, was ihm aufgetragen wird oder in den Prüfungsphasen das widergibt, was er stupide auswendig gelernt hat, dem aber die Kreativität fehlt, das Erlernte anzuwenden, der wird keinen Anforderungen gerecht werden.

Der gleiche Ansatz sollte aber auch auf Seiten der Universitäten verfolgt werden. Die Universitätsinstitute sollten dazu angehalten werden, sich den gegenwärtigen Anforderungen zu stellen und ihre Lehrpläne auf Praxistauglichkeit zu prüfen. Auch diese Partei sollte dringend etwas unternehmen, um nicht in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Andernfalls wird der Trend des Wegrationalisierens immer weiter fortgesetzt und geisteswissenschaftliche Studiengänge werden immer mehr dem Erdboden gleich gemacht. Intellektuelle Arroganz und das Festhalten an antiquierten Standards sind absolut fehl am Platz und helfen niemandem auf Dauer weiter. Es wäre schön, wenn das entrüstete Beklagen über vermeintliche gesellschaftliche Entwicklungen endlich einem innovativen Ansatz weichen würde, der es schafft, Tradition und Gegenwart miteinander auszusöhnen. Wir dürfen gespannt darauf warten. Liebe Geisteswissenschaften, wie wäre es, wenn ihr euch einfach selber rettet, Deal?

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