HI – Interview mit St.Pauli Talent Scout Marco Feldhusen

Astra verbindet

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Zu Gast in unseren bescheidenen Hallen am Rödingsmarkt war Marco Feldhusen, Chefscout für die Nachwuchsgewinnung beim FC St. Pauli. Wie wird man eigentlich Fußballprofi, wie läuft das mit den Talent Scouts, gibt es vielleicht sogar Parallelen zu der Bewerbungspraxis, wie wir sie aus „gewöhnlichen“ Unternehmen kennen? Lasst Euch überraschen: Hannes interviewt, los geht’s!

Hannes

Schön, dass Du heute hier bist. Freut mich sehr! Fangen wir doch gleich mit der ersten Frage an: Was muss ein Talentscout mitbringen, um erfolgreich zu sein – außer gutes Aussehen?

Marco

Gut, das hast du jetzt gesagt. Ich denke auf jeden Fall sollte man natürlich schon in dem Business gearbeitet haben. Ganz klar, das ist von Vorteil. Meine Scouts müssen darüber hinaus auch einen Trainerschein, eine Trainerlizenz haben.

Das ist, denke ich, ungeheuer wichtig, um sich in die Materie reinzuversetzen: Wie ist so ein Spiel aufgebaut? Wie ist eine Mannschaft aufgebaut? Wie ist sie sortiert? Wie stellt sie sich eigentlich zusammen? Im Idealfall sollte man daher schon Trainer gewesen sein – das kann auch im Leistungsbereich oder im Jugendbereich gewesen sein. Das sollte man mitbringen, von der fachlichen, sportlichen Qualifikation. Und man sollte natürlich, da es sich um keinen klassischen Lehrberuf handelt, eine gewisse Menschenkenntnis mitbringen. Man darf oder muss kontaktfreudig und aufgeschlossen sein. Ich finde, das alles kombiniert, das passt sehr gut.

Hannes

Gibt es aktuell Talente in der Bundesliga, die Du gescoutet und/oder gesichtet hast?

Marco

Ich tue mich immer ein bisschen schwer damit zu sagen, ich habe den Spieler entdeckt. Vor allem in dem Sinne, dass ich alleine irgendwohin gehe, und auf dem Dorf einen Spieler gesehen habe, der heute in der Bundesliga spielt. Das behaupten später viele von sich, wenn ein Spieler es dann in die Bundesliga geschafft hat. Das ist bei mir nicht so. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Max Kruse beispielsweise kommt ja hier aus dem Bereich Hamburg, Reinbek. Hat dann beim SC Vier- und Marschlande gespielt, daher kenne ich ihn. Habe ihn auch für Sankt Pauli gescoutet. Das ist vielleicht so ein aktuelles Beispiel.

>>Der Unterschied ist, glaube ich bei mir, dass ich natürlich als Scout gegenüber einem Recruiter oder Headhunter, wie man die auch immer nennen möchte, wirklich raus gehen und mir die Jungs direkt auf dem Acker oder auf dem Spielfeld angucken kann. Das kann ein ‚normaler Recruiter‘ nicht. Man geht nicht gucken wie jemand arbeitet, das geht nicht.<<

Hannes

Was würdest Du sagen, was unterscheidet Dich von einem, ich sage mal in Anführungszeichen ‚normalen Recruiter‘ im Unternehmen?

Marco

Ich denke, die nutzen sicher mittlerweile alle das Medium Internet. Da haben die natürlich auch so ihre Seiten wie XING usw. Die fokussieren sich sehr auf das Virtuelle, gucken natürlich immer überall: Was für Sachen sind da eingegeben, haben direkten Zugriff auf irgendwelche Daten und können sich das angucken. Das machen wir auch. Der Unterschied ist, glaube ich bei mir, dass ich natürlich als Scout gegenüber einem Recruiter oder Headhunter, wie man die auch immer nennen möchte, wirklich raus gehen und mir die Jungs direkt auf dem Acker oder auf dem Spielfeld angucken kann. Das kann ein ‚normaler Recruiter‘ nicht. Man geht nicht gucken wie jemand arbeitet, das geht nicht. Ich geh los und kann mir die Spieler wirklich live direkt angucken und auch sehen: Wie sind sie drauf, wie spielen sie einmal, vom Miteinander her. Ja, wie funktionieren sie.

Hannes

Wie ist das bei Euch – Ich sage mal im Unternehmen, wenn ich beim Vorstellungsgespräch bin, kann ich mich ja ein bisschen besser darstellen. Ich bin ja sozusagen Verkäufer, kann vielleicht ein wenig, was meinen Lebenslauf angeht – ich will nicht sagen lügen – aber kann so ein bisschen die Grenzen des Möglichen erweitern. Wie ist das bei euch möglich? Nach dem Motto: Ein Fußballer hat ja auch mal einen schlechten Tag, mal einen guten Tag. Guckst Du die Spieler öfter an?

Marco

Genau. Also wenn man wirklich sagt, wir haben einen Tipp bekommen oder einen Spieler, der uns aufgefallen ist, der wird schon in der Regel mindestens drei Mal gescoutet, im Idealfall auch von unterschiedlichen Leuten. Wir sind so aufgestellt, dass wir mit mehreren Scouts unterwegs sind – genauso ist es ja, dass man mal einen Spieler hat, der einen schlechten Tag hat. Wobei man, finde ich schon relativ schnell sieht, gerade auch im Nachwuchsbereich, was nichts ist. Aber ob einer wirklich richtig gut ist, da müsste man mehrmals drauf gucken.

Auch bei uns ist es so, dass wir nicht gleich nach dem ersten Mal sagen: Den finde ich gut, den lade ich zum Gespräch ein, sondern da gucken wir öfter drauf. Mindestens dreimal, im Idealfall viermal. Je nachdem, was das für ein Transfer wird. Also ist das jetzt einer in der Jugend mit Anbindung an das Talenthaus, der wirklich irgendwo aus einem anderen Bundesland zu uns geholt wird; mit Schulwechsel und allem Drum und Dran verbunden? Da guckt man schon wesentlich genauer, weil das die höchste Förderungsstufe ist, die wir haben. Oder es ist eben einer, der hier vor der Tür liegt, der auch aus Hamburg kommt, dann muss man vielleicht nicht so intensiv gucken.

Marco Feldhusen

Marco Feldhusen

Hannes

Ja, das ist interessant. Bevorzugst du eigentlich Spieler, weil die vielleicht gutes Aussehen haben, also unterbewusst?

Marco

Ich glaube, wenn man los geht, stellt man immer an sich selbst fest, wie man selbst war und gespielt hat und nach was für einem Spielertypen man sucht. Man guckt wirklich schon genau: Was brauchen wir und geht dann manchmal auf ganz gezielt los, etwa wenn ich einen Innenverteidiger brauche. Aber, um auf die Frage zurückzukommen: Ob der nun gut aussieht oder nicht, das ist mir eigentlich relativ egal, es geht ja um das Gesamtpaket.

>>Es kommt immer individuell darauf an, was man braucht. Man braucht auch so Arschlochtypen, sag ich mal, wie Effenberg, Basler. Sie mögen es mir verzeihen. Auch solche Typen musst du in der Truppe haben. Aber wenn du davon zehn hast, dann wird es schwer.<<

Natürlich spielen ja bei Spielern auch, beim Fußball sagt man dazu Anlagen, die körperlichen Voraussetzungen eine Rolle. Es wird zum Beispiel nie ein kleinwüchsiger Mensch ein Spitzentorwart werden. Das ist einfach so, weil der eine gewisse Größe haben muss. Das ist einfach die Voraussetzung. Aber vom Aussehen selber, nee. Ich mache mir schon ein Bild, gehe beispielsweise oftmals eine halbe Stunde vor dem Spielbeginn hin, um zu sehen, wie der Junge auf den Platz kommt. Kommt er ohne Bälle, ganz egoistisch, Stutzen runter, so ein Arschlochtyp eben? Oder ist es einer, der sich auch in der Mannschaft, in einem Gefüge unterordnet und Verantwortung übernimmt? Das sind so Sachen, die sieht man auch so schon.

Es kommt immer individuell darauf an, was man braucht. Man braucht auch so Arschlochtypen, sag ich mal, wie Effenberg, Basler. Sie mögen es mir verzeihen. Auch solche Typen musst du in der Truppe haben. Aber wenn du davon zehn hast, dann wird es schwer. Und dann braucht man eben wieder andere Typen, wie etwa in der Innenverteidigung. Die Jungs haben eine ganz klare Aufgabe und dürfen keine eigenen Ideen entwickeln, dass sie jetzt einfach mal sagen: ich geh jetzt mal nach vorne und nehme mir den Ball. Das dürfen die nicht. Insofern guckt man da vielleicht nicht nach dem Aussehen, aber schon danach, was die Spieler eigentlich an Disziplin und Charakter mitbringen.

Hannes

Hast Du irgendwie so Namen im Kopf, was weiß ich… Ich als Amateur würde jetzt sagen: Ich fand Michael Ballack total toll. Das ist so ein absoluter Vollprofi gewesen. Also echt ein Megatalent. Fällt Dir irgendein Name ein, wo Du sagst: Das ist ein echter Vorzeigefußballer?

Marco

Also ich finde: Aktuelles Beispiel ist gerade Basti Schweinsteiger, den ich einfach überragend finde. Von der ganzen Ausstrahlung her und fußballerisch überragend. Von der Außendarstellung ist er ein netter, freundlicher Mensch und das nimmt man ihm auch ab. Übernimmt Verantwortung, ist auch ein Führungstyp. Das merkt man schon. Das ist, finde ich, ein Vorzeigeprofi wie er sein muss. Überragend.

Hannes

Wir haben vorhin über den Fachkräftemangel gesprochen. Ja, wie ist das. Gibt es das beim Fußball auch? Fachkräftemangel, merkt ihr das so? In den vergangenen Jahren. Müsst ihr jetzt junge Spieler aus Indien holen?

Marco

Ehm, naja, also. Der Fußball ist ja breit gefächert. Wobei es natürlich auch immer – wie lebt so ein Verein. Wir sind jetzt ein etwas kleinerer Verein und haben für uns oder unsere Philosophie, wir stehen eigentlich für unsere Philosophie, dass wir sagen: Wir fördern eigentlich die Hamburger Jungs eigentlich eher, im unteren Bereich sowieso. Natürlich, wenn das nachher in die U17 geht, Bundesliga, U19, U23, Profibereich, dann guckt man natürlich schon überregional, das ist klar, aber wir gucken nicht ins Ausland. Das ist für uns – es gibt so ein paar Sachen, die wir da einhalten, dass die Spieler wirklich überwiegend im Grunde deutsche Spieler sind, ja.

Hannes

Kann man bei euch eigentlich auch den Spieß umdrehen nach dem Motto: Ich habe jetzt hier einen kleinen Bruder, der spielt auch ein bisschen Fußball, nehmt den doch mal bitte bei Sankt Pauli. Würdest du das machen, weil wir uns jetzt kennen, weil wir gute Freunde sind?

Marco

Täglich bekomme ich E-Mails und Anrufe, dass es irgendwo ein Talent gibt, das Wahnsinn ist usw. Es kommt natürlich darauf an – ich kann unterscheiden, wo kommt diese Quelle jetzt her – von wem ich diesen Tipp bekomme. Wenn ich weiß, der arbeitet selber in dieser Branche und der Tipp ist sehr sicher, dann gehe ich dem Tipp auch gerne nach. Aber ich krieg natürlich auch E-Mails gerade von Vätern, die natürlich ihre Söhne über alles sehen und schreiben, die können alles, wir wollen kommen.

Da kriege ich eine E-Mail aus Nürnberg von einem 2004er, der unbedingt in Sankt Pauli spielen will. Dann frage ich mich: Wie wollt ihr zum Training kommen. Fahren sie den jetzt immer mit dem Auto nach Nürnberg und zurück? Und dann kommt die Frage nach unserem Talenthaus. Dann weiß man schon: Okay, der will jetzt seinen Jungen hier irgendwie verkaufen hätte ich fast gesagt.

Wir gehen also Tipps nach, wenn die seriös und gut sind, aber wir sind ja auch unserer Mannschaft, die wir haben, gegenüber verpflichtet. Es geht eben nicht, dass wir jedem Spieler die Möglichkeit geben, sich bei uns zu präsentieren. Das ist immer so im Leistungsbereich: Wenn einer kommt, muss einer gehen. Somit ist es auch ein Signal an die Truppe, wenn ich sage, dass ich jemanden zum Probetraining einlade. Wenn die Mannschaft funktioniert und kein Anlass besteht, dann möchte ich nicht andauernd irgendwelche Leute bei mir beim Probetraining haben, nur mal um zu sehen, wie sie sind. Das machen wir nicht.

Hannes

Wie ist das denn in der Mannschaft, wenn Du einen Spieler zum Probetraining einlädst. Wird der ordentlich aufgenommen, wie es sich für faire Sportler gehört oder sagen die: „Nö, das ist Sankt Pauli, Du bist der Probespieler, wir haben keine Lust auf Dich.“?

Marco

Also wir haben da auch mit den Trainern darüber gesprochen, wie das eigentlich ist, wie man sich so am besten verhält, wenn ein Spieler zum Probetraining eingeladen wird. Zum Beispiel kann man dann den Jungen schon mal mit Namen ansprechen und der Mannschaft sagen: Da kommt morgen der Sebastian Müller und der spielt vor. Und so wie ich das mitbekommen habe bei uns, wird der Spieler immer mit Herz, mit offenen Armen aufgenommen: Hallo, was geht, Check-Up usw., weil die auch wissen, dass der natürlich erst mal verunsichert ist und das ist im Grunde wie in so einer neuen Klasse ist, wenn ein neuer kommt. Die meisten freuen sich, wenn mal ein neues Gesicht da ist und dann läuft das eigentlich immer recht freundschaftlich und sportlich ab.

Hannes

Die Profispieler heutzutage, man sieht es ja, die werden immer jünger, verdienen mit 16 vielleicht schon Millionen, einige fahren Auto ohne Führerschein, war ja gerade in der Presse. Wie gefällt Dir diese Entwicklung?

Marco

Also grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass im Sport mehr junge Leute den Sprung ins Profitum schaffen. Allerdings, um ein Beispiel zu nennen: Es ist für mich nicht ungewöhnlich, wenn Spieler Jahrgang 2000 alle schon einen Berater haben. Also wenn ich da anrufe, spreche ich schon gar nicht mehr mit den Jungs, sondern mit dem Berater. Also diese Entwicklung sehe ich schon sehr kritisch, weil die Berater ja nur verdienen, wenn es irgendwo zu einem Wechsel kommt oder der Junge zu einem größeren Verein kommt. Das wird immer krasser auf diesem Markt. Und das schlimme ist, man muss diesen Trend auch mitgehen. Das ist bei mir auch so.

Im unteren Bereich fangen wir so bei 2005 an zu scouten, aber kein aggressives Scouting. Man verschafft sich einen Überblick und schaut: Was gibt es auf den Markt und wer ist eigentlich gut? Durch diese Entwicklung aber, ist es so, dass wenn ich da nicht mitgehe, gehe ich am Ende leer aus. Diese Entwicklung im Grunde, die finde ich nicht gut, finde ich bedenklich. Deswegen hoffe ich auch, dass man da wirklich irgendwo mal einen Riegel vorschieben muss. Das macht DFL teilweise, indem man erst ab einem gewissen Alter einen Berater haben darf, aber es gibt ja für alles immer eine Möglichkeit. Dann sind es eben nicht die Berater, dann haben die auf einmal einen väterlichen Freund, der sie einfach freundschaftlich begleitet. Also es gibt ja für alles immer irgendwie eine Lücke. Aber man muss ja auch nicht alles bedingungslos mitmachen. Dadurch gehen uns auch vielleicht ein, zwei Toptalente durch die Lappen, aber dann ist es so. Weil ich glaube, wenn man sich in die Richtung dann auch verkauft, dann – ja, das tut einem nicht gut.

Hannes

Vielen Dank, wir auch schon fast durch. Eigentlich die wichtigste und letzte Frage überhaupt, find‘ ich in diesem Interview: Würdest Du mich als Fußballprofi weiterempfehlen? Ich hab ja gesagt, ich bin Bayernfan. Vielleicht hast Du auch gute Kontakte dahin?

Marco

Ja okay, es ist immer so, man sagt ja immer der Linksaußen und der Torwart, die haben immer so ein bisschen einen an der Marmel, ich meine auch, Du hast einen festen Händedruck. Wenn man das so ein bisschen zusammenwürfelt alles, dann vielleicht könntest Du eine Torwartkarriere anstreben. Bayern München hab ich leider keinen Kontakt, das tut mir Leid.

Hannes

Das finde ich schade, aber bei Bayern würde ich gar nicht so auffallen und nicht zum Einsatz kommen. Die haben ja Neuer…

Marco

Ich glaube, die haben auch ein Torwartproblem eigentlich. Der im Tor, wer ist das eigentlich?

Hannes

Ja genau, wer ist das? In Ordnung, vielen Dank für das Interview – Klasse, dass du hier warst!

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